
Schicksale im Widerstand - Regina Scheer hat zunächst wohl nicht die Absicht gehabt, eine Geschichte der Widerstandsgruppe „Herbert Baum zu schreiben. Dies wäre auch schwer möglich gewesen. Fast alle Mitglieder der Gruppe sind hingerichtet worden - in den Wochen und Monaten nach dem 17. Mai 1942, an dem Herbert Baum und weitere Angehörige der Gruppe sich an einen Brandanschlag gegen eine Nazi-Ausstellung beteiligt hatten. Die Akten der Gestapo zu den Hauptangeklagten im Prozeß sind bis heute verschwunden - die Aussagen der wenigen Überlebenden widersprüchlich und lassen Fragen offen. Regina Scheer ist den Fragen nachgegangen.Zu Beginn des Buches wird ein Foto beschrieben: Eine junge Familie mit Kind - aufgenommen im Januar 1942. Kurz darauf ist das Kind tot. Noch etwas später ist die Mutter in Untersuchungshaft. Dann in Theresienstadt. Dann auf Transport in die Todesfabrik. Seitdem ist sie verschollen. Der Mann überlebte.Regina Scheer recherchiert das Schicksal von Edith Fraenkel, der Mutter des Kindes, wird fündig in Gestapoakten, in Memoiren von Widerstandskämpfern, spricht mit Bekannten, die in der Emigration überlebt haben, findet schließlich Ediths Verlobten, dem sie im Buch den Namen Robert Mohn gibt. Auf viele Fragen findet sie Antworten - andere müssen offen bleiben. Es gibt oft keinen Beteiligten mehr, der am Leben ist - und die Akten schweigen.Edith Fraenkel gehörte nicht zum harten Kern der Baum-Gruppe. Bis zu deren nazistischer Gleichschaltung besuchte sie eine Rudolf-Steiner-Schule und stand der Anthroposophischen Gesellschaft nahe. Von Herbert Baum, den sie zufällig kennengelernt hatte, war sie einmal eingeladen worden, auf einem Bildungsabend einen Vortrag über Psychologie zu halten. Dies reichte den Häschern, sie nach dem Brandanschlag zu verhaften. Wegen „Nichtanzeige einer Straftat wurde sie zu fünf Jahren verurteilt. Die sie nicht absaß.Die wenigen Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe, die später noch berichten konnten, überlebten durch Zufall - oder dadurch, daß ihre verhafteten Genossen schwiegen. Herbert Baum kam in Untersuchungshaft ums Leben - wahrscheinlich tötete er sich selbst, um unter der Folter nicht aussagen zu müssen. Die meisten Frauen und Männer, mit denen er zusammengearbeitet hatte, starben unterm Richtbeil - ihre kopflosen Körper wurden der Anatomie übergeben, damit angehende Nazi-Ärzte sich an ihnen üben konnten. Andere - so wie Edith Fraenkel - wurden aus der Haft in Konzentrationslager überstellt. In der Wannsee-Konferenz waren ohnehin alle Juden, ob im Widerstand oder nicht, zum Tode verurteilt worden. Nach einem Jahr Theresienstadt wurde Edith Fraenkel am 18. 10. 1944 „auf Transport geschickt. Von den 1500 Häftlingen dieses Transportes überlebten nur 117 die Selektion. Edith Fraenkel war nicht unter ihnen. In Regina Scheers Buch gewinnen die vor über 60 Jahren ermordeten Mitglieder der Herbert-Baum-Gruppe an Nähe, treten aus der grauenhaften Anonymität der Millionen Opfer des Regimes hervor. An die Stelle der nackten Zahlen treten Menschen mit ihren - oft nur durch eine Verkettung von Zufällen - miteinander verknüpften individuellen Schicksalen. Menschen mit Schwächen und Fehlern, die unsere Zeitgenossen sein könnten, statt dessen aber gezwungen waren, unter einem unmenschlichen System zu leben. Und von denen einzelne sich zum Widerstand entschlossen, als sie begriffen, daß nur der Sturz dieses Systems ihr aller Leben retten konnte.gb.